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Familien-Coaching: Raus aus der Hartz-lV-Spirale

Um für Langzeitarbeitslose eine Perspektive zu entwickeln, braucht es mehr als eine Fördermaßnahme. In einem spannenden Projekt wird die ganze Familie gecoacht, um den Weg raus aus Hartz IV zu finden.

Hannover. Dieman D. lächelt, als sie ihrem Gegenübern ins Auge schaut und mit klarer Stimme sagt: „Mein Leben hat erst richtig angefangen, als ich ins Familiencoaching hereingekommen bin.“ Die 38-Jährige ist nach Jahren wieder einmal hier, um Auskunft zu geben über das, was sich in ihrem Leben verändert hat. Viel Zeit hat die Pflegehelferin, Dolmetscherin und dreifache Mutter nicht, ein Job ruft.

Genau das ist der Erfolg, der sich eingestellt hat. Die Jesidin Dieman D. ist von niemanden mehr abhängig, auch nicht vom Jobcenter. Sie geht ohne Angst auf Menschen zu, sie verdient eigenes Geld, sie erfüllt sich ihre Wünsche. Ihre Tochter (22) und die zwei Söhne (21, 23) sind stolz auf ihre Mutter. Vor allem die Tochter, die nach einem einjährigen Aufenthalt in den USA nun Erzieherin im Kindergarten wird und mit jungen Jahren auf ganz eigenen Füßen steht.

Dieman D. war 35 Jahre alt, als sie von ihrer Fallmanagerin im Jobcenter auf die Möglichkeit des Familiencoachings aufmerksam gemacht wurde. „Ich traute mich erst nicht. Ich hatte Angst, für mich war alles schwer. Es gab keinerlei Unterstützung von der Familie. Ich dachte, ich lerne nichts mehr und muss ewig zuhause bleiben. Dabei hatte ich immer davon geträumt, eine gute schulische Ausbildung zu haben und später zu arbeiten.“

Deutsche Sprache war lange eine Hürde

D. war zwar schon seit 20 Jahren in Deutschland, doch sie wurde früh hineingezwängt in eine Ehe, sie bekam sehr früh ihre Kinder, die Hürde „deutsche Sprache“ hatte sie bis dahin nicht überwinden können. Mit 35 lebte sie getrennt vom Ehemann, hatte gesundheitliche Probleme, die familiären und finanziellen Belastungen waren hoch. Dass sie ihr Leben und das ihrer Kinder auch schon in der Ehe allein erziehend organisiert hatte, diese Stärke war ihr bis dahin gar nicht klar.

„Frau D. war sehr unsicher am Anfang“, erzählt Familiencoach Anja Wagner.

„Aber wir haben schon bald erkannt, was für eine kluge, tolle Frau sie ist.“ Die Sozialpädagogin vom Jobcenter und der Coach sowie Projektkoordinator Eben Buckle nahmen sich der jesidischen Frau an, „die beiden haben mich aufgebaut“, sagt Dieman D.. „Das erste Mal in meinem Leben bekam ich echte Unterstützung. Es war wie eine gute Familie.“

Es gab Gespräche – viele Gespräche. Über ihre Stärken und die Überwindung der Schwächen, über Probleme und Perspektiven, Lösungen und Chancen. Auch die Kinder wurden mit einbezogen. Aber: „Hier wird niemandem etwas aufgezwungen, die Teilnehmer bestimmen Tempo und Themen“, so Buckle. Dazu kamen Deutschförderung, Bewerbungstraining, Gruppengespräche, erste Grundlagen in EDV und auch Angebote wie gemeinsames Kochen oder Yoga mit anderen Teilnehmerinnen. „Frau D. lebte wie viele Klienten sehr isoliert, dabei ist es so wichtig, in dieser Situation ein Netzwerk zu haben.“

Die Saat ging auf. Nach ein paar Monaten wollte D. den „Kassenschein“ machen – Voraussetzung dafür, im Einzelhandel an der Kasse zu sitzen. Ihre Coaches unterstützten sie, das Jobcenter förderte die Maßnahme, D. hatte den Schein bald in der Hand. Und plötzlich erkannte die junge Frau, dass sie kein Opfer mehr ist. Es war, als hätte sich ein Hebel im Kopf umgelegt. „Als sie das geschafft hat, hat sich daraus ganz viel weiterentwickelt“, berichtet Buckle.

Dieman D. belegte weitere Sprachkurse – bewusst an der VHS, wo der Migrantenanteil in den Kursen geringer ist und man nicht so schnell in die Situation gerät, in der Heimatsprache zu sprechen. Das macht sie bis heute, das Geld ist es ihr wert. „Ich will immer besser werden, auch in der Grammatik“, sagt sie.

Dieman D. hat es geschafft. Andere Hartz-IV-Empfänger in ähnlichen Lagen sind dabei, „man hat erkannt, dass Langzeitarbeitslose oft komplexe Problematiken haben und es nicht reicht, eine einzelne Förderung anzubieten“, meint Anja Wagner. „Wir versuchen ein Gesamtbild zu sehen, bekommen Einblick in die ganze Geschichte der Kunden und suchen gemeinsam mit ihnen einen Weg, raus aus der Hartz-IV-Spirale zu finden“, so Eben Buckle.
Gecoacht wird notfalls die ganze „Bedarfsgemeinschaft“, wie die Familie im Behördensprech heißt. Kinder, die als Schulverweigerer auffallen, bekommen Unterstützung bei Gesprächen mit den Lehrern, kranken Partner werden Möglichkeiten zur Hilfe aufgezeigt, jugendlichen Kindern sogar Wege zu Ausbildungsplätze geebnet. Bei Suchtproblematiken werden Wege in dieTherapie aufgezeigt, für die Schulden oder auch Partnerberatung gibt es Beratungsscheine vom Jobcenter. Den Teilnehmern, zu 80 Prozent übrigens Teilnehmerinnen, soll Selbstbewusstsein vermittelt werden, „wir versuchen, deren Lebensqualität zu fördern, sie dazu zu animieren, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und an der eigenen Lebensplanung zu arbeiten“, so Buckle.

Da kann man auch an Grenzen stoßen. „Wenn der Vater die Alimentierung durch Hartz IV als Non-Plus-Ultra seines Lebens ansieht, seine Kinder als Streber bezeichnet, wenn sie für die Schule lernen, dann wird das schwierig“, sagt er. „Aber so einen Fall hatten wir bisher nur einmal.“

Familiencoaching

Das Projekt „Familien-Coaching-Center" des Jobcenters Region Hannover gibt es seit 2015, im Februar 2019 übernahmen die Grone-Schulen und das Unternehmen für Bildung (bfw) die Trägerschaft. Seit Juni sitzt das Center in der Hamburger Allee 12-16 in ganz neuen Räumlichkeiten.

Es gibt gemütliche Räumlichkeiten und Büros mit Kinderspielecken, Zimmer mit Möglichkeiten zu EDV-Schulungen, eine große Küche für das gemeinsame Kochen und Netzwerken und mehr. Sieben Fallmanager und Familiencoaches wie Anja Wagner vom Jobcenter und ihr Projektleiter Daniel Greve sitzen hier, außerdem 18 Familiencoaches sowie Koordinator Eben Buckle und zwei Psychologen von den Trägern Grone und bfw. So können die Fälle auch gemeinsam besprochen und nach Hilfsmöglichkeitengesucht werden. Bis zu einem Jahr werden die Teilnehmer und ihre Familienangehörigen intensiv betreut, notfalls auch zu Hause, wenn sie aus unterschiedlichenGründen nicht zum Center kommen können.144 Bedarfsgemeinschaften, also auf Hartz IV angewiesene Familien, werden zur Zeit betreut, gut ein Drittel der Teilnehmer schafft danach den Schritt raus aus dem Leistungsbezug.

Grundvorausetzung für die Teilnahme ist der ALG-11-Bezug und mindestens ein Kind, auch Nachwuchs unter 25 Jahren. Wenn der Fallmanager des Kunden diesen zum Familiencoachingschickt, ist wöchentlich mindestens ein Einzelcoaching und ein weiterer Termin für eines der Angebote verpflichtend. Je nach Bedarf kann es aber auch mehr Gesprächstermine geben. Viele der Kundinnen und Kunden sind alleinerziehend.


Neue Presse, Artikel vom 26.07.2019, Petra Rücerl
Quelle: www.neuepresse.de/Hannover/Meine-Stadt/Familien-Coaching-Raus-aus-der-Hartz-IV-Spirale